Das gesunde Mittelmaß

Makrobiotik, Dinner Cancelling und Rohkost – nachdem es jahrzehntelang immer wieder neue, aber auch klar strukturierte Ernährungstrends gegeben hat, scheinen diese Zeiten vorbei zu sein. Momentan gibt es keinen Trend. Alles scheint irgendwie falsch zu sein, egal was man zu sich nimmt.

Obst, Jahrhunderte lang als beste Vitaminquelle bejubelt, soll auf einmal ein böser Schurke sein, da sich unter der appetitlichen Fassade zu viel Fruchtzucker verstecke. Und Getreide, mit denen Generationen groß geworden sind, wird vehement der Kampf angesagt.

Nicht nur Lebensmittel, auch der beste Zeitpunkt ihres Verspeisens ist in der Kritik. Die jahrelang bestehende Empfehlung, die Nahrung auf Haupt- und Nebenzeiten zu verteilen, ist nun obsolet. Aktuell soll ein sogenanntes 16-zu-8-Fasten für Gesundheit und eine schlanke Linie sorgen. So richtig und wichtig es ist, dass die Thematik einer guten Ernährung vielfältig diskutiert wird – dies kann aber auch unerwünschte Auswirkungen haben: Seit einiger Zeit existiert das Krankheitsbild „Orthorexie“. Betroffene dieser Erkrankung leiden unter einer enormen Fixierung auf (vermeintlich) gesundes Essen. Sobald sie einen Ernährungsfehler am Tag begangen haben, lässt sie das schlechte Gewissen abends kaum einschlafen. Durch die große Verunsicherung, was überhaupt gegessen werden darf, nehmen viele dieser Patienten zu wenig Nahrung zu sich und rutschen so in eine Mangel- und Fehlernährung hinein.

Allein ist es schwierig, aus dieser Situation herauszukommen. Zumal der Begriff „Allein“ beim Thema Essen leider immer mehr in den Vordergrund rückt. Immer mehr Mahlzeiten werden allein eingenommen. Und immer mehr Mahlzeiten werden virtuell über soziale Medien ins Netz gestellt. Es wäre schade, wenn Essen immer mehr zu einem Akt der Einsamkeit und zeitgleich der Zurschaustellung und Profilierung der eigenen Person wird.

Gesunde, biologisch erzeugte und ausgewogene Ernährung ist wichtig – aber mindestens genauso wichtig ist die Einstellung zu sich und zu seiner Nahrung. Der bewusste Genuss einer kleinen Leckerei in angenehmer Gesellschaft ist phantastisch und tut auch der Seele gut. Hingegen ist ein einsames und freudeloses Vertilgen von Nahrungsmitteln, die einem nicht schmecken, aber gegessen werden, weil sie zu einem selbst auferlegtem Dogma gehören, nicht förderlich für Psyche und Körpergefühl.

Hier tut man gut daran, auf sich zu hören, was einem ganzheitlich gut tut. Der Begriff der Ganzheitlichkeit bezieht Körper, Geist und Seele mit ein. Hier geht es also nicht um den reinen Nährwert, sondern darum, individuell zu schauen, welche Nahrungsmittel einem gut tun – und in welcher Situation. In Stresssituation z.B. neigen wir dazu, in eher ungünstige Verhaltensweisen zu fallen. Typische Beispiele dafür sind verstärkter Konsum von Kaffee und Schokolade, wenn der Joballtag einem alles abverlangt.

Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir gegensteuern, indem wir uns über gut annehmbare Alternativen informieren. Auch der Abbau von Stress trägt dazu bei, dass wir mehr auf uns hören und das essen, was für unser Wohlbefinden förderlich ist. Wir leben in einer Fülle von Nahrungsmitteln, Möglichkeiten und Unsicherheiten. Das Wesentliche dabei ist, den inneren Kompass zu bewahren. Zu spüren, was einem individuell gut tut und sich bei Bedarf auch von Profis helfen zu lassen – sei es durch Ernährungsberatung oder durch den Besuch eines Sport- oder Entspannungskurses, nach dem die Verlockung von Kaffee und Schokolade vielleicht schon von ganz alleine immer kleiner wird…

14. April 2018

Kommentar hinterlassen

  • (will not be published)


+ 2 = elf