Integration von Geflüchteten

Willkommenskultur und Abschiebung! Was jetzt?

Nachdem die spontane Willkommenskultur des Jahres 2015 auch genauso schnell wieder verschwunden ist, sind die vielen fremden Menschen immer noch da und außerdem ist Bundestagswahlkampf. Eine sehr ungute Gemengelage.

Dabei fing alles so gut an. Zügeweise verstörte und erschöpfte Menschen kamen in München an. Spontane und sehr beeindruckende Hilfsbereitschaft signalisierte den Fremden, dass sie in ihrem erstrebten Reiseziel willkommen sind. Bald würden das Haus, das Auto und der Familiennachzug erreicht sein und ein neues Leben könnte beginnen. Die Emotionen waren auf beiden Seiten groß. Auf deutscher Seite eher ein Happening, dessen Folgen nicht wichtig waren. Emotionale Unterhaltung der Sonderklasse – und bald ging man ja auch weitestgehend zur Tagesordnung über.

Der große Rechtsruck

Monatelang wurde nur über ein Thema berichtet: der Flüchtlingszuzug und was alles passierte. Zunächst große Gefühle, dann große Bedenken – schließlich der große Rechtsruck. Hatte doch keiner daran gedacht, dass sich schon genügend Benachteiligte in Deutschland ungerecht behandelt fühlten und nun kaum noch eine öffentliche Rolle spielten. Um diese anscheinend nicht erwartbare Wendung einzufangen, reagieren die etablierten Parteien wie immer: Sie änderten ihre vorher noch sachlichen Arbeitsweisen in taktische Vorwahlkampfaktivitäten. Und drehten die Story der Willkommenskultur in eine Kultur der Abschiebung, Bedrohung und Verweigerung. Nur auf lokaler Ebene gibt es glücklicherweise Ausnahmen.

Anderthalb Jahre später sind bei weitem nicht alle Asylanträge abgeschlossen. Und wenn es Ablehnungen gibt, dann gehen die wiederum unendlichen Klageverfahren los. Wartestation für mehrere 100.000 Menschen, die nichts anderes wollen, als ihre Familien menschenwürdig durchs Leben bringen. Aber das können sie nicht. Arbeitgeber, die sich bereit erklärt hatten, Menschen mit fremder Herkunft und nicht standardisierter Ausbildung eine Chance auf eine angemessene Arbeit zu geben, sind höchst verunsichert, ob ihre Investition in die Integration von Geflüchteten nicht als Ausfall zu verbuchen ist. Nicht weil sie mit der gelieferten Arbeit nicht zufrieden gewesen wären. Nein, weil Behörden scheinbar willkürlich solche Arbeitsverhältnisse platzen lassen. Abschiebungen werden spontan durchgeführt. Da hilft es nichts, wenn man schon mal integriert ist. Beispiele davon gehen durch die Presse.

„Good Will“ ist aufgebraucht

Diese Aktionen verbrennen die Bereitschaft der Unternehmen sich mit dieser sozialen Aufgabe zu beschäftigen. Denn die Integration ist nicht mal so eben leistbar. Sie erfordert eine erhebliche Anstrengung auf allen Seiten:

  • Arbeitgeber müssen sich auf neue Mitarbeiter einlassen, die nicht den gängigen Auswahlkriterien entsprechen.
  • Stamm-Mitarbeiter werden mit in die Verantwortung genommen, denn sie leisten die tägliche Einarbeitung und soziale Einbeziehung.
  • Geflüchtete lernen einen komplett neuen, viel stärker geregelten Arbeitsalltag, der sich mit ihren Erfahrungen in einem oftmals schon langen Arbeitsleben nicht decht.
  • Familien der Geflüchteten müssen auf die Strukturen der bisherigen sozialen Familien-Einbindung total verzichten und organisieren sich neu.

Der Status Quo entmündigt und löst keine Probleme.

Geflüchtete Menschen haben oft schon lange Berufserfahrungen, besonders in handwerklichen Gewerken. Dafür gibt es keine meistens Nachweise außerhalb des praktischen Könnens. In unserem festgefügten, mit Sicherungssystemen versehenen Arbeitssystem können diese erfahrenen Arbeiter lediglich zu Hilfsarbeiten herangezogen werden. Eine Nachschulung und Anerkennung können erst dann erfolgen, wenn ein ausreichendes Sprachniveau erreicht ist. Doch Spracherwerb dauert seine Zeit. Vor allem in den jeweiligen Fachsprachen. Und wie lange soll das alles dauern? Fachkräftemangel beseitigt man so nicht.

Akademiker in manchen Fachbereichen erleben einen völligen Absturz. Alles Wissen, das an die lokalen Gegebenheiten und Ausbildungs-Systeme gebunden ist, z.B.: Jura, Medizin, Steuerrecht, ist kaum übertragbar. Eine Umschulung würde große universitäre Anstrengungen erfordern. Dazu haben wir weder genügend Platz noch Fördermöglichkeiten.

Schon unsere einheimischen Arbeitnehmer ab 50 Jahren klagen über schlechte Chancen am Arbeitsmarkt. Ein über 45 jähriger ausländischer Familienvater, der aufgrund seiner bisherigen Ausbildung und Berufserfahrung mit Recht die Führungsrolle in der Familie innehatte, wird unter hiesigen Umständen völlig entehrt. Kein Job, keine Anerkennung, keine Familienachtung.

Wie können wir Integration trotzdem schaffen? Hat das sogar Vorteile?

Wenn wir ein gelingendes Zusammenleben in unserer bisher ausgewogenen Gesellschaft erhalten wollen, dann wird uns nichts anderes übrig bleiben. Zu hohe andauernde soziale Lasten wollen wir nicht tragen. Die fortschreitende Polarisierung in der Bevölkerung ist keine Alternative zur bunten Kulturvielfalt, die doch seit Jahrzehnten in den meisten Städten gelebt wird.

Unternehmen brauchen zunächst rechtliche Sicherheit, wenn sie Geflüchtete einstellen. Unternehmen können dann die bestehenden Corporate Social Responsibility (CSR) Initiativen dazu nutzen, die Integration zu schaffen. Sie ändern die bisherigen Standards der Bewerber-Auswahl und nehmen vom Raster der bisherigen Profile Abstand. Dadurch gibt es Platz und Bedarf an erweiterten Kenntnissen und Fähigkeiten, die in einer globalisierten Welt nützlich sind. Die Erfahrungen der neuen Kollegen können helfen, den Tellerrand zu erweitern und neue Absatzmärkte zu verstehen.

Es gibt alle notwendigen Teile des Puzzles. Es ist zu schaffen!

Und bei der Vermittlung zwischen Arbeitgeber und zugewanderten Arbeitnehmern helfen die aktuell neu gegründeten Social Entrepreneurs, die die Verbindung herstellen können. Sie sind auch diejenigen, die die Geflüchteten beraten und auf dem Weg in den Jobmarkt begleiten. Andere Fachleute können die Unternehmen bei der interkulturellen Integration in den Teams begleiten. Es ist für alle anstrengend. Aber es ist zu machen. Und es ist eine sinnvolle Investition in unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft.

 

Die Autorin Martina Reichl ist Netzwerkpartnerin und engagiert sich auf verschiedenen Ebenen im bürgerschaftlichen Ehrenamt. Sie kennt Migranten mit unterschiedlichem Hintergrund. Bei IN VIA München e.V. erteilt sie Nachhilfe für Schüler und Berufsschüler, die als unbegleitete Flüchtlinge in München ankamen. Über das Sozialreferat der Stadt München engagiert sie sich als Familienpatin und im Helferkreis Gräfelfing arbeitet Sie als Jobpatin und Coach für Jobpaten. Im Rahmen von AMIGA, einer weiteren Initiative der Stadt München hat sie durch gezieltes Coaching einem europäischen Migranten den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ermöglicht. Ihre Motivation ist es, Menschen zu helfen. Darüber hinaus sammelt sie erweiterte praktische Erfahrungen, die sie in ihrer Coaching-Arbeit mit Führungskräften umsetzt.

 

16. August 2017

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