Mit Kreativität zum gesunden Ich

Corinna Wittke ist Künstlerin, Malbegleiterin und Kreativitäts-Expertin. Sie gründete 2007 die „Schule der Elefantasie“, einen urteilsfreien geschützten Raum zur Entfaltung kreativer Potentiale.

In unserem Gespräch erzählt sie über die kreative Kraft, die Farbe und Geburt, Gesundheit und intuitiven Ausdruck miteinander verbinden.

Frau Wittke, Sie sind nun schon seit vielen Jahren Partnerin im Netzwerk für Gesundheit. Welchen Bezug hat Ihre künstlerische Arbeit zu dem Thema Gesundheit?

Nun, meine Arbeit liegt im Grunde der natürlichen Geburtshilfe sehr nahe. Ich verstehe mich als eine Art „kreative Hebamme“. Ich helfe meinen Klienten und Seminarteilnehmern dabei, das Zutrauen in ihr eigenes schöpferisches Potential wieder zu gewinnen, um aus eigener Kraft die „inneren Kinder“  zur Welt zu bringen. Hierbei erlaube ich mir den Begriff „innere Kinder“ in diesem Zusammenhang aus dem klassischen Kontext der Psychologie herauszulösen, und möchte ihn erweitern auf die menschliche Sehnsucht nach authentischem Sein und frei gestaltendem Ausdruck in der Welt.

Mit welchem Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Viele Menschen kommen zu mir, weil sie eine große Sehnsucht haben, sich kreativ auszudrücken und gleichzeitig weder Zeit noch Raum noch Mut in sich finden, es einfach für sich zu tun. Sie trauen sich nicht, haben das Gefühl, sie seien nicht gut genug, unbegabt, oder dass da womöglich gar nichts in Ihnen zu finden sei, was sich lohne gemalt, getanzt, sichtbar und hörbar zu werden.

Und genau an diesem Punkt sehe ich immer wieder eine direkte Verbindung zu unserer Gesundheit.

Wie kann es sich auf die Gesundheit auswirken, wenn Kreativität unterdrückt, sich nicht getraut, also einfach nicht gelebt wird?

Ein Mensch, gefangen in seiner Angst, sich frei auszudrücken, lässt nichts oder nur sehr gefiltert heraus, was ihn bewegt. Der kreative Fluss in ihm staut sich, stagniert und verhärtet sich schließlich in einer auf die Dauer krankmachenden Körper- und Geisteshaltung.

Ein Mensch, der sich (endlich) traut, sich frei, ehrlich und ungeniert auszudrücken, öffnet sein gesamtes inneres System. Er streift die alten Blockaden und Selbstzweifel ab, begegnet sich wohlwollend und erfährt sich selbst in diesem Augenblick als kraftvolle schöpferische Instanz. Diese kreative Lebenskraft wird meist auch körperlich sofort sichtbar und spürbar: der Mensch findet in eine neue Haltung, wächst in sein gesundes Potential.

Damit diese „Geburt“ gelingen kann brauchen wir einen absolut geschützten und urteilsfreien Raum. Es bedarf sozusagen die entschiedene Abwesenheit all derer Parameter, die wir in unserer Leistungsgesellschaft und Kultur des kritischen Vergleichens mit der Muttermilch aufgesogen haben. Stattdessen ist unsere wertschätzende Präsenz gefordert, um den individuellen Ausdruck bedingungslos willkommen zu heißen.

In unserer Gesellschaft fällt es bestimmt schwer, die Parameter „Zweifel“ und „Vergleich“ außen vor zu lassen.

Das Vergleichen bleibt eine gefährliche Gratwanderung. Wir müssen lernen zu unterscheiden und herzverbunden unseren gesunden Menschenverstand einzuschalten. Um die „eigene“ Sprache zu finden, bedarf es einfühlsames natürliches Wachsen und die Erlaubnis zu individuellem Gedeihen. Wir müssen uns selbst zuhören und unvergleichlich mutig sein.

In der künstlerischen Prozessarbeit, sei es im intuitiven Ausdrucksmalen, im authentischen Tanz, in der Arbeit mit der Stimme oder im kreativen Schreiben, hat der Zweifel als Korrektiv aus meiner Sicht nichts verloren.

Gehe ich hingegen mit meiner Arbeit hinaus in die Welt, zum Beispiel in Form einer Ausstellung, eines Tanztheaters, einer Buchveröffentlichung oder eines Konzertes, dann muß ich vorher überprüfen, ob mein Werk aus meinem Empfinden heraus ausgereift genug ist „weltlicher“ Kritik standzuhalten? An dieser Stelle kann der Zweifel positiv genutzt werden, um zum MIR Wesentlichen zu kommen. Er kann also zum Feilen, zum Abschleifen, zum Auskneten innerhalb des schöpferischen Prozesses dienlich sein. Sobald es still wird in mir und ich weiß, nun gibt es meiner Arbeit nichts mehr hinzuzufügen, löst er sich auf.

In Ihren Seminaren, auch in der Einzelarbeit ist das Malen ein wesentlicher Schwerpunkt. Sie nennen ihre Arbeit „coeurformance und malen aus der stille“, was verbirgt sich dahinter?

Auch wenn ich eine große Liebe und Freude für alle Künste und kreativen Ausdrucksformen hege, ist mir die Malerei die Vertrauteste. Nicht nur weil ich dieses Fach studiert habe, sondern eher, weil es mich seit Kindesbeinen begleitet hat, auch zu Zeiten in denen ich viel zu schüchtern und ängstlich gewesen wäre, einen lauten Ton zu singen oder mich ausdrückend im Tanz zu bewegen.

In „coeurformance & malen aus der stille“ geht es um die direkte Unterstützung des menschlichen kreativen Potentials.

Die angeleitete „coeurformance“ unterstützt und begleitet diesen kreativen Prozess mit individuellem Einfühlungsvermögen, mit Stimme, Bewegung, Spiel, Übungen aus der Rhythmik oder der Kinesiologie, mit Körperzwiegespräch, lösenden Fragen und anderen potenzialstärkenden Übungen. Sie bewirkt an dieser Stelle die Erfahrung der eigenen Präsenz, der Spontaneität und Ehrlichkeit, die direkt aus der Wertschätzung, also aus dem Herzen geleitet wird. In der Kreativitätsentwicklung wird sie eingesetzt, um einen besseren Kontakt zu sich selbst herzustellen.

Von dort aus taucht es sich genüsslich in die Welt der Farben, in das „malen aus der stille“.

Um mir selbst zu zuhören, muss ich still werden. Desto mehr ich mir selbst zu höre und entsprechend handele – male, schreibe, singe, tanze, lebe, liebe – desto stiller wird ICH. Desto tiefer entdecke ich mich und das mir Wesentliche.

Und das kann ALLES sein. Es kann eine kunterbunte farbfüllige, sinnliche, humorvolle, freudige Erfahrung sein. Es kann bedeuten, sich durch manch weniger komfortables Gefühlsnadelöhr durchzumalen. Es kann berührendes „Bei sich zu Hause Ankommen“ sein. Und natürlich die Lust, zu malen, die Lust und Freude, sich auszudrücken.

Diese Arbeit „coeurformance & malen aus der stille“  hat viele Facetten und Gesichter. Je tiefer wir uns wagen, desto fruchtbarerer und feiner, desto lebendiger und tragender werden unsere Erfahrungen. Je öfter wir eine solche Erfahrung machen, desto weiter spannt sie sich über die „Bildränder“ hinaus in unser alltägliches Leben und fruchtet in eine neue kreative und gesunde Perspektive.

Sie bieten verschiedene Formate an, was eignet sich am Besten als Einstieg für einen vielleicht noch schüchternen Menschen ohne malerische Erfahrung?

Vorerfahrungen oder besondere künstlerische Fähigkeiten spielen überhaupt keine Rolle. Wir beginnen immer wieder auf dem Punkt Null, wo es nichts gibt, außer dem kreativen Moment und der Lust sich auszudrücken. Jeder Mensch ist ein Künstler. Ein Schöpfer. Ein Entdecker. Die Maltechnik wächst ganz von alleine mit, wenn wir uns urteilsfrei auf den Weg machen.

Alle Formate haben ihr Gutes. Zum Kennenlernen der Arbeit und auch zum gegenseitigen Beschnuppern – die beste Arbeit taugt Ihnen ja nichts, wenn wir uns persönlich nicht sympathisch sind – passt ein einzelner Malsonntag sehr gut.

Natürlich ist jede innere Reise, für die wir uns mehr Zeit nehmen, reichhaltiger und kann entspannter von Statten gehen, weil wir weniger unter Erwartungsdruck stehen. Darum bevorzuge ich eigentlich die längeren Formate, wie Wochenend-Workshops oder am allerliebsten die jährliche Reise nach Italien. Der Malfrühling am Ortasee ist das längste Format im Jahresprogramm der „Schule der Elefantasie“. Diese intensive Woche in den Osterferien schenkt wunderbaren Freiraum für die innerliche Flügelentfaltung, Zeit für sich selbst und das Seelebaumeln, und reichlich Inspiration für den Rest des Jahres.

Die Einzelarbeit empfehle ich bei Menschen, die einen noch geschützteren Raum benötigen. Manchmal wiegt dass eigene Problemfeld gerade zu schwer, um sich zu trauen, es in einer Gruppe zu lüften. Dann ist es angeraten, statt eines Gruppensettings diesen intimen Rahmen zu wählen. Hier kann der malerische Prozess als lebensberatende, wegweisende Quelle genutzt werden. Es ist möglich über diese kreative Ausdrucksarbeit tiefe Gefühlsschichten zu erreichen und neue Lösungsansätze zu finden.

Ein neuer Baustein im Angebot der„Schule der Elefantasie“ sind die individuell geplanten kreativen Auszeiten in Italien. Was erwartet den Reisefreudigen?

Eine kleine Zeit lang zusammen kreatives Leben zu teilen, individuell, wohl dosiert im eigenen Freiraum und dem begleiteten kreativen Feld zu leben und zu arbeiten, ist sehr beglückend. Und zum Thema „kreative Gesundheit“ würde ich sagen: die umgebende Natur, das südliche Licht, die Weite der Landschaft, die gute gartennahe Verköstigung und die Leichtigkeit des italienischen Seins tun das Ihre.

Es kann wundervoll sein, sich allein, als Paar, als Familie, auch als kleine Gruppe, eine solche Auszeit zu gönnen, vielleicht unter einem bestimmt Thema, oder ganz frei entdeckend, was es zu entdecken gibt.

Haben Sie zu guter Letzt noch ein paar kleine Tipps für kreative Geister und solche die es werden wollen?

Na klar:

  • Das Wichtigste ist: fangen Sie jetzt gleich damit an! Nur für drei Minuten!
    •Das Zweitwichtigste: eine gute Prise Humor! Nehmen Sie sich nicht allzu ernst ;-)
    •Das Drittwichtigste: Hören Sie sich stattdessen wirklich zu, dort wo Ihre wahre Sehnsucht ruft.
  • •• und einen kleinen Mix aus einem täglichen Tupfer Farbe, sei es eine Blume, ein Pullover, eine Postkarte, ein Lippenstiftkuss… einen Hauch Spontaneität und winzige 3 Minuten Zeit für irgendetwas Verrücktes, Ungewohntes, dass nur für uns da ist – von Reimen bis Zeichnen, Grimassenschneiden über Tanzen, Grunzen, Grummeln, Quatsch machen, sich in die Augen schauen… nehmen Sie mit sich Kontakt auf!

Viel Freude beim Kreieren!

Danke für das ausführliche und inspirierende Gespräch.

Weitere Informationen zur Arbeit von Frau Wittke finden Sie unter www.schule-der-elefantasie.de

und www.corinnawittke.de

 

Partner: Wittke, Corinna (Berlin)
10. Februar 2020

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